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Experten-Tipps

Warum „Mindset“ viel zu wenig ist

Dieser Artikel wurde am 25.07.2022 verfasst von
Sebastian Hartwig

Alle paar Jahre werden englischsprachige Modebegriffe, die meistens aus den USA kommen und deren Sinn sehr oft sehr schwach ist, völlig unreflektiert übernommen, obwohl es weit bessere Alternativen gibt. Aktuell ist das Wort „Mindset“ in immer mehr Munden und wird leider auch mehr und mehr von Coaches und anderen Menschen verwendet, die beruflich an und mit Psyche arbeiten, obwohl sie es eigentlich besser wissen sollten.



Was bedeutet "Mindset" wörtlich übersetzt?


Das englische Wort „mind“ bedeutet unter anderem „Sinn“, „Verstand“, „Geist“, „Gedächtnis“, „Gedanken“ oder „Meinung“ und bezeichnet auch „Köpfe“, also Menschen mit besonders intelligenten oder intellektuellen Fähigkeiten, z.B. „a brilliant mind“. All diese Begriffe beziehen sich also vor allem auf den kognitiven Teil der (menschlichen) Psyche. Das sind die Bereiche, die für die Erfassung und Verarbeitung von Informationen zuständig sind, also im Prinzip alles, was irgendwie mit „Denken“ assoziiert ist. Das englische Wort „set“ bedeutet „Satz“ oder „Zusammenstellung“. Ein „Mindset“ ist also ein zusammengestellter Werkzeugkasten aus Gedanken und zielt darauf ab, dass man mit der richtigen Zusammensetzung verschiedener Werkzeuge (Gedanken) bestimmte Aufgaben leichter bearbeiten und seine Ziele besser erreichen kann.


Dieser typisch US-amerikanische Ansatz, bei dem man alles auf so wenig wie möglich reduziert, um möglichst effizient zum Ziel zu kommen, hat durchaus seine Vorteile und kann auch im Psychischen beeindruckende Ergebnisse hervorrufen. Sobald es aber darum geht, Menschen zu helfen, sieht die Sache anders aus. Klar, wer möglichst wenig psychische Arbeit haben und nur schnell, schnell zum Ziel kommen will, kann mit solchen Ansätzen durchaus Erfolg haben (der dann aber genauso oberflächlich und schnell wieder weg ist). Das ist also was für extrem ungeduldige Leute.

Die begriffliche Bedeutung für psychische Arbeit


Menschen, die bewusst und gezielt an und mit Psyche arbeiten, sollten aber höhere Ansprüche an sich und für ihre Kunden/Klienten oder Patienten haben als nur mit dem Kopf durch die Wand, äh Welt zu wollen, weil sie wissen, dass Psyche viel mehr als nur Kognition ist - vor allem in deren Anwendung!


Tatsächlich sind Informationen und deren Verarbeitung, die wir in Worte fassen können, der viel kleinere Teil unserer Psyche. Sie sind zwar ein wichtiges nicht-stoffliches Medium, das die psychische Nahrungsgrundlage bildet, um sich verbal darüber auszutauschen, verbinden tun uns aber WEICHE Faktoren. Wer das „Eisbergmodell“ kennt, kennt den Unterschied zwischen der sich über der Wasseroberfläche befindlichen „Sachebene“ (Fakten, Daten, Gedanken usw.) und der versteckteren „Beziehungsebene“, die Gefühle, Stimmungen und andere nicht ganz so greifbare Konstrukte beherbergt. Jeder weiß, dass der sichtbare Teil eines Eisbergs den kleinsten Teil des Eisberges ausmacht - und kann sich daher auch gut vorstellen, wo sich zwei Eisberge berühren ;-)


Es ist ein Lächeln, Schulterklopfen oder Oma’s Apfelstrudel, die uns verbinden und über uns hinauswachsen lassen. Träume, Liebe, Sehnsüchte, Schmerz und andere starke Zustände treiben uns viel stärker und effizienter an als die rein technische Motorleistung - und machen dabei auch mehr Spaß.



Emotionen sind so wichtig!


Wer die Anwendung psychischer Fähigkeiten auf reine Gedankenleistung reduziert, unterdrückt damit nicht nur Emotionen, sondern auch die durch diese maßgeblich beeinflusste psychische Entwicklung sowie seine Zielerreichung und deren Nachhaltigkeit. Das ist genauso wie bei diesem „self love“ (Selbstliebe)-Schwachsinn: sich vor den Spiegel zu stellen und sich zu sagen, dass man schön ist, ist absolut lächerlich, weil ein geringer Selbstwert in erster Linie ein GEFÜHL ist - und das kann man nicht so einfach weg- oder schönreden! Genauso, wie Menschen mit substanzengebundenen Abhängigkeiten, z.B. körperlichem Übergewicht oder Rauchen, ihre starken Bedürfnisse nicht mit dem richtigen Gedankenkoffer (Mindset) überkommen. Einige werden jetzt vielleicht einwenden, dass doch alles in Ordnung ist, wenn sich jemand tatsächlich nur auf den kognitiven Werkzeugkasten bezieht. Jo, das macht aber so gut wie niemand (bewusst). Selbst im Englischen ist fast immer soetwas wie „eine positive Einstellung entwickeln“ gemeint und dafür ist das Wort „Mindset“ einfach zu wenig, weil es eben die emotionalen Elemente ausklammert.



Alternativen zu "Mindset"


Wie heißt es also richtig? Ganz einfach: das, was diejenigen eigentlich meinen, die von „Mindset“ reden oder schreiben ist nichts anderes als die psychische Einstellung. Sie können auch von „innerer Einstellung“ reden, was eine Richtung - und damit Orientierung - vorgibt. Und wenn Sie es ganz genau ausdrücken möchten, reden Sie einfach nur von „Einstellung“, weil diese auch den Körper beinhaltet, der dank Emotionen, Hormonen u.a. der Psyche ja unweigerlich folgt. Eine Einstellung beinhaltet ALLE psychischen (und körperlichen) Bereiche und ist zwar sehr allgemein gefasst, damit in diesem Fall aber auch am präzisesten. Man kann sich „Einstellungen“ auch viel besser (technisch) bildlich vorstellen als ein „Mindset“: denken Sie an die vielen verschiedenen Knöpfe an einem Radio oder anderen Musik-Instrumenten, einem Herd, medizinischen oder Garten-Geräten oder Bekleidung. Je nachdem, wie sie diese anordnen, kommen unterschiedliche Ergebnisse heraus. Damit kann man viel besser arbeiten als mit einem „Mindset“.



Verwenden Sie bessere Begriffe als "Mindset"


Wenn Sie unbedingt Englisch reden wollen, arbeiten Sie mit nicht deutschsprachigen Menschen zusammen, verhunzen aber nicht unsere wunderbar blumige Sprache, die sooooo viel präziser ist als Englisch! Ja, das deutsche Wort „Einstellung“ ist uralt, sieht relativ unspektakulär aus und fällt dementsprechend auch Suchmaschinen nicht besonders auf. Das Wort „Mindset“ hingegen klingt - typisch Englisch - viel cooler, emotionaler und nach mehr Power, weil im Englischen Worte sehr oft mehrere Bedeutungen haben und dementsprechend auch mehr Gefühle in sich tragen. Wenn Sie das kommunizieren wollen, arbeiten Sie an Ihrer verbalen und nonverbalen Ausdrucksweise und der Kombination aus diesen, die dann auch viel mehr inhaltlichen Bums (Gehalt) hat als nur starke Gefühle zu transportieren.


Die Übernahme des Wortes „Mindset“ als Ersatz für „psychische / innere Einstellungen“ ist fachlich schlichtweg falsch. Und selbst, wenn man es im eigentlichen Sinne und damit faktisch korrekt anwendet, ist dieser Ansatz immernoch unzureichend, weil die reine Konzentration und Förderung von kognitiven Fähigkeiten für ein komplexes Lebewesen wie den Menschen viel zu wenig und unnachhaltig ist. Man kann noch so viel nachdenken und kopfgesteuert angehen - wenn man es nicht fühlt, führt das zu gar nichts oder gar inneren Konflikten zwischen Kopf und Gefühl. Menschen, die beruflich an und mit Psyche arbeiten, sollten das wissen (oder wissen es spätestens jetzt) und mit gutem Beispiel vorangehen, mit ihrer Wortwahl Wissen und Fähigkeiten achtsam zu kommunizieren. Bei Leuten, die nicht vom Fach sind, sind solche Unschönheiten nicht ganz so kritisch, aber wenn sogenannte Fachleute Fachbegriffe völlig unüberlegt anwenden, ist das einfach unprofessionell. Das ist extrem unschön, gibt Ihnen, liebe Leser, aber auch ein gutes Werkzeug mit in die Hand, die Spreu vom Weizen trennen zu können ;-)

Sebastian Hartwig

Herzlich willkommen! Ich bin Sebastian und helfe Menschen, mit ihrer inneren und äußeren Umwelt ins Gleichgewicht zu kommen. Wir leben in einer Welt, in der die Extreme der humanen und physischen Welt immer gravierender und schneller wachsen und dadurch die Scheren dieser Welt weiter öffnen. P ...