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Experten-Tipps

Meine Auffassung zum Thema Gender

Dieser Artikel wurde am 24.05.2021 verfasst von
Robert Berkemeyer

Im Rahmen meiner Arbeit als Trainer und Coach stoße ich immer wieder auf Fragestellungen zu den Geschlechterrollen. Hier geht es um die Gleichstellung von Mann und Frau, Vor- und Nachteile typischer Eigenschaften der Geschlechter, unterschiedliches Kommunikationsverhalten, eine eher männliche Sprache, vor allem aber auch um die Sicht, welche gesellschaftliche Rolle ein bestimmtes Geschlecht spielen sollte.


In einer Weiterbildung hörte ich von Julia Baumann, Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule Darmstadt, eine interessante Aussage zur gendergerechten Sprache. Sie erzählte: "In einem Experiment wurden Schülerinnen und Schülern stereotypisch männliche Berufe vorgestellt. Einmal wurde dabei nur die männliche Form verwendet, einmal die männliche und weibliche Form. Und das machte tatsächlich einen Unterschied: Wurden beide Formen genutzt, hatten die Kinder – Mädchen wie auch Jungen – eher das Gefühl, den Job selbst erfolgreich ausführen zu können. Das bedeutet: Eine geschlechtergerechte Sprache ermutigt Kinder, stereotype Muster zu durchbrechen und selbstbewusster zu entscheiden."


Ich nehme diesen Hinweis gerne mit, um in der Kommunikation mit meinen Auftraggeber:innen vielleicht mal an der einen oder anderen Stelle den Gender-Doppelpunkt zu setzen, um das Thema wieder bewusst zu machen. Weiterhin werde ich mein Umfeld und mich selbst dabei beobachten, inwieweit meine eigene Sprache tatsächlich "barrierefrei" ist. Schließlich, so auch ein Argument von Frau Baumann, werden öffentliche Gebäude auch standardmäßig mit Rampen versehen, obwohl vielleicht nur sehr wenig Rollstuhlfahrer in dieses Gebäude hineinwollen. Aber: Ich werde mich auch nicht sklavisch an die geforderte Etikette halten. Zum einen, weil ich kein Politiker bin und es mir leisten kann, zum anderen, weil ich der Meinung bin, dass viele durchgegenderte Texte an sprachlicher Ästhetik verlieren. Bei Powerpoint-Präsentationen macht eine gegenderte Formulierung oftmals ein Platzproblem, Trainerkolleg:innen werden jetzt nicken. Das eigentliche Problem liegt für mich an einer ganz anderen Stelle.


Männliche Dominanz ist sicherlich ein wichtiger Aspekt im Gender-Thema. Ein interessanter Beitrag dazu stand im Spiegel. Hier äußerte Margarete Stokowski am 12.1.2021 in einer Kolumne mit dem Titel "Auch durch Astronautinnen ändert sich nicht alles" folgende Sicht: "Überhaupt, Logik: Schwierig. Frauen seien bei männlichen Formen wie »Bürger« mitgemeint, argumentieren Gegner geschlechtergerechter Sprache oft. Als dann aber kürzlich das Justizministerium einen Gesetzentwurf komplett in der weiblichen Begriffsform formulierte, sodass Männer »mitgemeint« waren, war der Ärger groß: Der Text sei »höchstwahrscheinlich verfassungswidrig«, hieß es aus dem Innenministerium. Wenn Frauen so empfindlich wären wie die Gegner dieses Textes, wären sie nur noch am Anzeigen und Klagen."


Altbekannt ist die Tatsache, dass vor allem Frauen in unserer Gesellschaft oftmals und in vielfältiger Weise benachteiligt werden. Das ist sicher richtig und wurde immer wieder anhand von Zahlen und Daten nachgewiesen. Was aus meiner Sicht aber nicht richtig ist, sind die Reaktionen daraus, die in eine Art Klassenkampf Frauen gegen Männer münden. Dieser Klassenkampf führt dazu, dass das eigentliche Thema Gender, nämlich der Umgang mit unterschiedlichen "sozialen Geschlechtern", vollkommen ignoriert wird. Und es wird ignoriert, dass in unserer Gesellschaft oftmals nicht nur Frauen benachteiligt werden, sondern Menschen aller Geschlechter und aller Orientierungen. Und zu den Benachteiligten gehören – man höre und staune – auch Männer.


Wir leben in einer Gesellschaft, in der Menschen missachtet, drangsaliert, beleidigt, manipuliert, gedemütigt, irregeführt, ignoriert und in vielfältiger Weise körperlich und seelisch verletzt werden. Somit ist das Thema Gender für mich sicher kein Frauenthema.


Die Lösung des Problems liegt aus der Sicht Vieler in der Änderung von rein männlichen Begriffen in neutrale, in der Einführung von festgelegten Quoten für die Verteilung von Jobs auf Frauen und Männer oder auch in skurrilen Ideen wie z.B. der Änderung von Ampelbildern in "Ampelfrauen" und "Ampelmännchen". Derartige Maßnahmen als wichtige Impulse zum Thema Gleichstellung zu sehen, halte ich für absolut naiv und sogar kontraproduktiv, da damit dieses wichtige Thema zu einer Art Lachnummer auf Kindergartenniveau degradiert wird.


Ich bin zutiefst überzeugt, dass ein respektvoller und wertschätzender Umgang mit Menschen aller Orientierungen immer wieder neu hinterfragt, bewusst gemacht und mit positivem Verhalten vorgelebt werden muss. Dies gilt auch für mich selbst, denn auch ich habe im Umgang mit anderen Menschen sowohl Sternstunden als auch ziemlich große schwarze Löcher.


Zu einer positiven Entwicklung des menschlichen Umgangs gehört im Wesentlichen die Kenntnis aller Menschen über die Möglichkeiten und Grenzen einer wertschätzenden und gewaltfreien Kommunikation. Aus meiner Sicht handelt es sich bei dem Thema also um ein Bildungsthema. Die folgenden Fragen sollten im Rahmen der Kommunikationsbildung und Persönlichkeitsentwicklung von der elterlichen Erziehung über die Grundschule bis hin in die Chefetagen bearbeitet werden:


  • Warum denke und handle ich so und nicht anders?
  • Wo liegen meine persönlichen Stärken und "Baustellen"?
  • Wie funktioniert eigentlich eine gute Kommunikation?
  • Wie gehe ich mit Menschen um, die anders sind und anders denken?
  • Wie gehe ich mit Konflikten um?
  • Welche Eigenschaften finde ich bei Menschen unterschiedlicher Geschlechter und Orientierungen und welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus?
  • Wie kommuniziere ich wertschätzend, respektvoll und gewaltfrei in Gruppen und Hierarchien?
  • Wie nutze ich die Stärken unterschiedlicher Menschen für eine positive Entwicklung der gesamten Gesellschaft?

Ich würde mir wünschen, dass alle Beteiligten in kommunikativen Prozessen das Thema "Gender" mit Hilfe dieser Fragestellungen ernsthaft mit der Zielsetzung angehen, eine kontinuierliche Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses aller Menschen zu erreichen. Und eines benötigen wir dabei meiner Meinung nach nicht: Ein neues Gesetz. Denn dieses Gesetzt existiert schon seit dem 23. Mai 1949. Es handelt sich um das Grundgesetz, in dem wir in Artikel 1 im ersten Satz die Formulierung finden: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Robert Berkemeyer

Durch die intensive Arbeit an der Einstellung von Mitarbeitern und Führungskräften erreiche ich ein verändertes positives Verhalten bei der Umsetzung der Ziele. Mit meinen Seminaren und Workshops sorge ich bei den Teilnehmern für ein begeistertes "Ja" zum Unternehmen und zur eigenen Tätigkeit. E ...