Experten-Tipps

Homeoffice: Stress oder Freiheit?

Dieser Artikel wurde am 10.06.2019 verfasst von
Christiane Wittig

Die Arbeitswelt verändert sich. Immer mehr Tätigkeiten können dank Vernetzung und technischer Entwicklung von zu Hause erledigt werden. Vor allem Selbständige wissen die stressfreiere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben im Homeoffice zu schätzen. Angestellte wünschen sie sich oft.


Die Bundesregierung denkt sogar darüber nach, den Anspruch darauf gesetzlich zu verankern. Die Homeoffice Möglichkeiten werden bei weitem nicht ausgeschöpft. So geht aus einem Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung von 2016 hervor, dass Deutschland immer noch deutlich unter den Quoten anderer europäischer Länder liegt.


Aber nicht für jede Tätigkeit und jeden Arbeitnehmer ist diese Arbeitsform von Vorteil oder möglich, denn nicht jeder Vorgesetzte hat das Vertrauen in seine Mitarbeiter, sondern handelt eher nach dem Motto: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Wer bisher im Angestelltenverhältnis klare Strukturen hatte, dem fällt es vielleicht schwerer, sich im Homeoffice optimal zu organisieren.



1. Homeoffice aus Mitarbeitersicht


Die Arbeit zu Hause erfreut sich bei Angestellten zunehmender Beliebtheit. Die Aussicht auf einen selbstbestimmten Arbeitsalltag erscheint vielen Menschen höchst erstrebenswert. Allerdings unterschätzen sie oftmals, dass es manchmal schwierig ist sich selbst zu motivieren und den inneren Schweinehund an die Kette zu legen. Vor allem, wenn draußen die Sonne scheint und man eigentlich gerne einen Spaziergang machen oder zum Baden gehen möchte, obwohl die Vorbereitung auf das nächste Meeting ansteht oder ein komplexes Angebot erstellt werden muss. Es erfordert eine gehörige Portion Selbstdisziplin und braucht klare Regeln im Umgang mit dem Chef und den Kollegen im Stammhaus, um nicht in einen Freizeitschlendrian zu verfallen oder den Ruf der Unzuverlässigkeit zu riskieren.


Man sollte sich genau überlegen, ob die Tätigkeiten und die eigene Persönlichkeit zu diesem Arbeitsmodell passen.


Es gilt zu klären, welche Form von Homeoffice in Betracht gezogen werden kann:

  • Ist man selbständig und ohnehin für die eigenen Tätigkeiten verantwortlich?
  • Ist man beispielsweise im Außendienst tätig und arbeitet sowieso weitestgehend selbständig von unterwegs oder zu Hause? Dann reicht vielleicht einmal pro Woche ein Bürotag im Stammhaus.
  • Hat man seinen Arbeitsplatz im Unternehmen und will Fahr- und Wegezeiten reduzieren und deshalb wenigstens zwei Tage pro Woche zu Hause arbeiten?
  • Oder macht man es nur bei Bedarf, damit man sich auf bestimmte Aufgaben konzentrieren kann, die man ungestört erledigen will?


1.1 Einrichtung und Ausstattung des Arbeitsplatzes


Wenn Sie keinen repräsentativen Büroraum mit Kaffeeküche und separatem Besprechungsraum benötigen, kann ein Büro im Haus oder der Wohnung durchaus genügen. Grundsätzlich kann der Arbeitnehmer dort seinen Arbeitsplatz nach eigenen Bedürfnissen und Möglichkeiten gestalten. Der Arbeitgeber ist aber verpflichtet, für alle relevanten Auflagen bezüglich des Arbeitsschutzgesetzes und der Bildschirmarbeitsverordnung Sorge zu tragen.


Sicher kann man mit einem Schreibtisch und Laptop im Schlafzimmer zur Not vorübergehend arbeitsfähig sein, aber als Dauerlösung ist das nicht geeignet. Sie wollen ja auch mal Unterlagen liegen lassen und nicht immer sofort alles wegräumen müssen. Wobei es auch auf Ihre familiäre Situation ankommt. Ein Single kann eher den Teil eines Raumes als Arbeitsbereich nutzen als eine berufstätige Mutter das Wohnzimmer, wenn die Kinder mittags aus der Schule kommen. Ein Nachtmensch, der erst ab 20.oo Uhr kreativ wird, möchte seine/n PartnerIn sicher ungern durch die Arbeit am Computer abends beim Fernsehen oder Lesen stören.


Sie brauchen also idealerweise ein eigenes Arbeitszimmer mit verschließbaren Schränken für vertrauliche Geschäfts- und/oder Kundenunterlagen, um auch dem Datenschutz gerecht zu werden. Eventuell ist sogar ein externes Büro zu überlegen. Wenn Sie beispielsweise zu Hause nicht genügend Platz oder Ruhe haben oder öfter geschäftlichen Besuch bekommen, dann wirkt ein externes Büro – aus Kostengründen ggf. auch in einer Bürogemeinschaft - einfach professioneller.



1.2 Welches technische Equipment ist vorhanden?


Ein weiteres Augenmerk sollten Sie auf die technische und elektronische Ausstattung Ihres Arbeitsplatzes richten.

  • Reicht die Internetgeschwindigkeit für Ihre Tätigkeiten aus?
  • Benötigen Sie einen neuen Laptop oder Computer?
  • Wie sind die Lichtverhältnisse in Ihrem Arbeitszimmer?
  • Entspricht die Einrichtung den ergonomischen Anforderungen?

Kalkulieren Sie gegebenenfalls gleich eine mögliche spätere Erweiterung des technischen Equipments oder der Möblierung ein. Welche notwendige Ausstattung das Unternehmen zur Verfügung stellt, ist entweder bereits definiert oder sollte in einem Vertrag oder einer Vereinbarung festgelegt werden.



2. Homeoffice aus Unternehmenssicht


Vor allem für Unternehmen, deren Mitarbeiter oft unterwegs sind, können Homeoffice Arbeitsplätze eine Raum- und Kostenersparnis darstellen, sofern Büroflächen und Schreibtische nicht ständig leer stehen, sondern von denen genutzt werden, die gerade im Büro sind. Hier bietet sich Desk-Sharing an.


Immer noch haben viele Arbeitgeber die Befürchtung, die Kontrolle über die Belegschaft zu verlieren, wenn die Mitarbeiter nicht vor Ort sind. Klare Zielvorgaben und regelmäßige Fortschrittskontrollen erlauben aber größtmögliche Transparenz für beide Seiten. Idealerweise werden sie zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer einvernehmlich festgelegt. Beispielsweise durch das Vereinbaren einer Vertrauensarbeitszeit. Das bedeutet: die Mitarbeiter müssen die vereinbarte Arbeitszeit erbringen, es erfolgt aber keine Kontrolle ihrer Zeiteinteilung, denn die direkte Kontrolle der Mitarbeiter durch die Führungskräfte ist nicht mehr möglich. Diese Vorgehensweise erfordert Vertrauen von beiden Seiten, wobei die Vorgabe lauten sollte: Priorität hat das zeitgerechte Erledigen der anfallenden Aufgaben und das zufriedenstellende Ergebnis. Wenn ein Mitarbeiter aufgrund besserer Konzentration und ungestörterem Arbeiten mit seinem Pensum schneller fertig wird, ist in der Regel vom Vorgesetzten nichts dagegen einzuwenden, wenn er eine Stunde früher in den Feierabend startet. Zielerreichung statt Zeitmessung sollte die Prämisse sein.


Um die Erreichbarkeit im Homeoffice ggf. auch für Kunden, den Chef und die Kollegen im Stammhaus zu gewährleisten, hat es sich bewährt, geregelte Zeiten zur Erreichbarkeit festzulegen. Diese können sich unter Umständen von den üblichen Zeiten im Büro unterscheiden. Wichtig ist, dass sie für alle passen und kommuniziert werden. Unter Umständen können für spezifische Projekte gesonderte Vereinbarungen getroffen werden.



3. Im Zweifelsfalle testen


Sollten sich Unternehmen und Mitarbeiter noch nicht sicher sein, ob das Arbeiten im Homeoffice gewinnbringend für beide Seiten gestaltet werden kann, ist vielleicht eine Probezeit sinnvoll, in der Abläufe und Kommunikation getestet werden können.

Christiane Wittig

Im Laufe der Jahre entwickelte sich Christiane Wittig zur Expertin für Entschleunigung. Selbstbestimmtes Leben und optimierte Arbeitsorganisation und Zeitbewußtsein stehen dabei im Vordergrund. Mit Trainings-on-the-job und Coachings unterstützt sie Menschen bei mehr Achtsamkeit für sich selbst un ...