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Experten-Tipps

Du darfst dir bei deiner Doktor-Arbeit (nicht) helfen lassen

Dieser Artikel wurde am 20.01.2020 verfasst von
Angelina Bockelbrink

Die Guttenberg-Affäre liegt nun schon in paar Jahre zurück, wirkt aber immer noch nach. Dem damaligen Bundesverteidigungsminster Karl-Theodor zu Guttenberg war nach Bekanntwerden zahlreicher Plagiate in seiner Doktorarbeit im Jahre 2011 der Titel aberkannt worden, was schließlich auch zu seinem Rücktritt als Minister führte.


Im Rahmen einer Doktorarbeit (und in etwas geringerem Maße genauso bei einer Master-, Diplom-, oder Bachelorarbeit) beweist man, dass man eigenständig eine wissenschaftliche Fragestellung bearbeiten kann. An den meisten Hochschulen ist dafür eine sogenannten "Eidesstaatliche Erklärung" erforderlich.



Eidesstattliche Erklärung zur Selbstständigkeit


Grundsätzlich bestätigt der Verfasser mit seiner Erklärung immer, dass er die Arbeit selbstständig und nur unter Verwendung der angegebenen Quellen verfasst hat. Das bedeutet, dass er alle Aussagen, die aus anderen Abhandlungen stammen, gekennzeichnet und in einem Literaturverzeichnis aufgeführt hat. Außerdem muss auch immer versichert werden, dass die Arbeit erstmalig einer Prüfungsbehörde vorgelegt wird, dass also nicht versucht wird mit der gleichen Abschlussarbeit zwei Abschlüsse zu erlangen.


An vielen Hochschulen werden noch weitere Aspekte in der eidesstaatlichen Erklärung festgesetzt, wie die Zustimmung zu einer Plagiatsprüfung oder zu einer Veröffentlichung über die Universitätsbibliothek.



Was ist aber dann erlaubt?


Der ehemalige Minister hatte große Teile seiner Doktorarbeit weitgehend unverändert und ohne Kenntlichmachung aus anderen Dokumenten übernommen. Die Entscheidung, dass es sich hier nicht um eine eigenständige wissenschaftliche Leistung handelte, war also mehr als eindeutig.


Dennoch ist die Verunsicherung teilweise sehr groß. Ich kenne sogar Menschen, die Jahre nach Abgabe ihrer ehrlich und eigenständig erarbeiteten Doktorarbeit immer noch von Träumen geplagt werden, dass jemand ihnen den Titel aberkennen möchte. Einige Lektoren versuchen ihren (potentiellen) Kunden einzureden, dass sie unbedingt eine professionelle Plagiatsprüfung vor Abgabe ihrer Arbeit benötigen. Auf der anderen Seite gibt es Ghostwritingagenturen, bei denen man sich ganze Master- oder Doktorarbeiten für eine sattes Honorar schreiben lassen kann. Wenn man sich allerdings die Vertragsbedingungen ansieht, verweisen alle diese Ghostwriter darauf, dass sie nur "Vorlagen" erstellen, nicht abgabebereite Arbeiten. Wer eine solche Arbeit als seine eigene beim Prüfungsamt abgibt, macht sich des Betrugs(-versuchs) schuldig.


Natürlich gibt es aber verschiedene Arten von Unterstützung und Hilfe bei einer Doktor- oder Abschlussarbeit, die nicht nur erlaubt, sondern absolut üblich und sinnvoll sind. Auf diese möchte ich hier eingehen.



Wissenschaftlicher Diskurs und Informelle Hilfe


Man beschäftigt sich intensiv und lange Zeit mit ihr, so dass es nicht verwundert, dass die meisten Doktoranden und Wissenschaftler über die eigenen Arbeit sprechen, sei es mit Kollegen oder auch Familienangehörigen oder Freunden. Es werden dabei oft Fragen erörtert oder Probleme diskutiert. Dieser wissenschaftliche Diskurs steht ganz und gar nicht im Konflikt mit einer eidesstaatlichen Erklärung. Ganz im Gegenteil gehört das Hinterfragen der eigenen Vorgehensweise und die Offenheit für andere Perspektiven ganz grundlegend zu einer wissenschaftlichen Arbeitsweise dazu.


Gerade Partner oder enge Freunde sind zusätzlich oft eine ganz wichtige emotionale Stütze bei der Fertigstellung einer wissenschaftlichen Arbeit. Manche sind hauptsächlich hilfreich indem sie aufmuntern und ermutigen oder indem sie andere Aufgaben und Verpflichtungen von der Doktorandin weghalten. Andere lesen auch mal Korrektur, denken sich richtig ins Thema ein und geben fundierten inhaltlichen Input. So oder so ist das völlig in Ordnung und lässt sich zusammenfassen unter dem Begriff der "informellen Hilfe", ohne die viele Arbeiten vermutlich unvollendet in der Schublade enden würden.


Problematisch wird es nur dann, wenn ein Partner oder eine Freundin tatsächlich Teile der Arbeit ausarbeiten würde. Dann wären die Voraussetzungen für eine selbständige wissenschaftliche Arbeit des Verfassers nicht mehr gegeben.



Statistische Beratung und standardisierte Fragebögen


Ein anderer Bereich in dem viele Doktoranden und auch medizinische forschende Arbeitsgruppen Hilfestellung in Anspruch nehmen, ist die Statistik. Spätestens zur Auswertung der Ergebnisse, besser schon bei der Studienplanung erfolgt eine statistische Beratung. Das gibt absolut Sinn, da die schönsten Versuche nur äußerst wenig bringen, wenn sie ungeeignet für die Fragestellung sind. Die beschreibende Statistik ist für viele Mediziner und Gesundheitswissenschaftler noch recht gut verständlich und nachvollziehbar, aber bei der schließenden Statistik sieht es da meist schon ganz anders aus. Es ist gar nicht erforderlich als Mediziner auch noch Experte auf dem Gebiet der Statistik zu sein, deshalb sollte man diese Beratung unbedingt in Anspruch nehmen. Eine solide Fallzahlplanung, vorab festgelegte Variablen und eine fachmännisch durchgeführte und dargestellte Auswertung erhöhen die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit und sind deshalb nicht nur erlaubt sondern erwünscht.


Speziell zu Bereichen, wie Erfassung von Lebensqualität, Funktionseinschränkungen, Beschwerden oder Schmerzen gibt es eine Vielzahl an standardisierten Instrumenten, die meist an einer großen Zahl von Patienten oder Probanden validiert worden sind. Man sollte sich auf keinen Fall die Mühe machen, einen eigenen Fragebogen oder eine eigene Skala zu entwickelt (außer natürlich das ist genau der Inhalt der Arbeit), denn auch hier gilt, dass ein gut ausgewähltes, validiertes Instrument die Qualität der eigenen wissenschaftlichen Arbeit nur steigern kann.



Durchführung der Experimente oder Versuche


Bei der Durchführung der eigentlichen Experimente oder Versuche arbeiten häufig verschiedene Fachbereiche zusammen in einem Team und auch die Doktorandin muss keinesfalls alle Schritte all ihrer Versuche oder Untersuchungen selbst durchführen. Auf den klinischen Stationen übernimmt das Pflegepersonal in vielen Fälle wichtige (Routine-)Aufgaben bei der Studiendurchführung, teilweise gibt es extra dafür eingestellte Study Nurses und auch im Labor sind die MTAs eine wichtige Unterstützung nicht nur bei den standardmäßig anfallenden Laboruntersuchungen, sondern auch bei den wissenschaftlichen Experimenten. Die gute Zusammenarbeit im Team macht den reibungslosen Ablauf der wissenschaftlichen Untersuchungen erst möglich, sie entbindet den Doktoranden allerdings nicht vor der Notwendigkeit sich in alle Untersuchungsmethoden einzuarbeiten, zu verstehen was dort geschieht und sie selbst durchführen zu können. Tatsächlich wird es ohne diese Kenntnisse sehr schwierig werden diese im Methodenteil und/oder im Ergebnisteil der eigenen Doktorarbeit kompetent und verständlich zu beschreiben.



Formatierungshilfe, Korrekturlesen und Lektorat


Zu guter Letzt ist es möglich sich für die Schreibarbeit Unterstützung zu holen. Zwar führt kein Weg daran vorbei die eigenen wissenschaftliche Arbeit, egal ob Doktor-, Master- oder Bachelorarbeit, selbst zu schreiben bzw. zu formulieren. (Wer das möchte, kann seine Arbeit diktieren oder handschriftlich ausarbeiten, um sie dann abtippen zu lassen, was ich allerdings nicht empfehle). Eine sehr sinnvolle Unterstützung hierbei, vor allem wenn man sonst eher wenig mit der Erstellung von Texten zu tun hat, kann sein, sich bei der Formatierung der Arbeit helfen zu lassen oder die gesamte Arbeit Korrektur lesen zu lassen. Im Rahmen eines einfachen Korrektorats werden Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik überprüft. Bei einem umfassenderen Wissenschaftslektorat wir zusätzlich auf Ausdruck, Verständlichkeit und Stringenz der Argumentation geachtet. Der Lektor sollte sich hierfür ins Thema eindenken können und eine fachliche Vorbildung mitbringen.



Bedanken statt Verheimlichen


Zwar gibt es keinen Ort, wo die liebevolle Fürsorge des eigenen Partners, die hilfreichen Tipps der Study Nurse oder die wertschätzenden Rückmeldungen der Betreuerin gewürdigt werden müssen. Es ist allerdings nicht nur guter Stil, sondern auch persönliche Wertschätzung, wenn du alle Personen, die dich bei der Erstellung deiner Arbeit unterstützt haben mit individuellen und ehrlichen Worten schriftlich dankst. Eine solche Danksagung ist ein ganz üblicher Teil einer Doktorarbeit und sollte möglichst nicht fehlen.



Zusammenfassung


Eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit zu erstellen, bedeutet keinesfalls jeden einzelnen Arbeitsschritt selbst zu tun und seine Arbeit allein im stillen Kämmerlein zu erstellen. Der wissenschaftliche Diskurs gehört ganz grundlegend zum wissenschaftlichen Arbeiten dazu und bereichert dieses in vielerlei Hinsicht. Auch Teamarbeit und Wissenschaft sind keinesfalls ein Widerspruch, solange klar bleibt welchen (ausreichend großen) Anteil der Doktorand am Ergebnis hat.


Wer also weiß, dass er eine eigene Fragestellung selbstständig durchdrungen und bearbeitet hat, der muss nur noch darauf achten, gewissenhaft alle verwendeten Quellen anzugeben und schon muss er sich über das Thema "Plagiat" keine Gedanken mehr machen.

Dr. Angelina Bockelbrink

Mein ganzheitliches Wissenschaftscoaching bietet allen Beschäftigten, Promovierenden und Studierenden der verschiedenen medizinischen und gesundheitswissenschaftlichen Fächer kompetente und einfühlsame Unterstützung zu allen Themen der wissenschaftliche Karriere und in allen Phasen der Promotions- b ...