Experten-Tipps

Drei Tipps für eine lockere Schreibe

Dieser Artikel wurde am 28.06.2019 verfasst von
Kerstin Boll

Vergiss Hitchcock und Steven Spielberg: So begeisterst du deine Leser


"Meine Artikel klingen immer so steif. Bei den anderen Bloggern hört sich das viel lockerer an - das will ich auch". Meine Workshop-Teilnehmerin ist unzufrieden: Sie schreibt gerne. Sie weiß, was sie sagen will. Und doch etwas fehlt.



Beim Artikel-Schreiben steht dir deine Ausbildung im Weg


Wie so viele Experten hat auch sie studiert. Erst seit einem Jahr ist sie berufstätig, das akademische Denken steckt also noch tief in ihr. Ihre Blog-Artikel schreibt sie so, wie sie es gelernt hat: kenntnisreich, detailliert, argumentativ sauber. Sie schreibt von Dingen, Begriffen, Zusammenhängen und Sachen. In der akademischen Welt ist das eine gute Idee: Viel zu wissen, Kompliziertes zu verstehen und klar zu argumentieren, steigert das Ansehen und wird mit guten Noten belohnt.


In vielen Berufen bleibt der Fokus auf dem Wissen auf Dauer: IT-Fachleute, Naturwissenschaftler oder Ingenieure leben geradezu davon. Wenn Menschen aus wissensorientierten Berufen aufgefordert werden, etwas zu schreiben, tun sie deshalb in der Regel das, was sie in ihren Berufen erfolgreich macht: Sie bauen auf ihr Wissen. Deshalb teilen sie es, möglichst detailliert.


Bei wissenschaftlichen Artikeln oder Büchern mag das noch in Ordnung sein. Wenn es jedoch darum geht, Fans, Sponsoren, Geldgeber, Mitstreiter oder Kunden zu gewinnen, kommt es zu Brüchen. Den klügsten Köpfen passiert das: Sie schreiben an ihren Lesern vorbei.



Wie du deine Leser abholst


Wie kann das sein? In der akademischen Welt geht es darum, Wissen zu mehren. In den Experten-Berufen kommt es darauf an, Wissen anzuwenden. Auch ein neuer Kunde, Sponsor oder Partner will wissen, worum es in deinem Fach grundsätzlich geht. Vor allem aber will er die Aufgabe lösen, die vor ihm liegt. Deshalb ist er an Details weniger interessiert. Er braucht Unterstützung darin, seine Entscheidung zu treffen. Widerstehe deshalb der Versuchung, dein Wissen auszubreiten.


Entscheidungen - das ist das wichtige Stichwort: Wenn du deine Leser erreichen willst, mache dir klar, welche Entscheidung sie zu treffen haben und was sie dazu wissen müssen. Typische Fragen sind:


  • Ich habe ein Problem - welche Lösungen gibt es dazu?
  • Passt das Verfahren A oder B besser zu mir?
  • Worin liegen die Chancen eines Tools oder eines Werkzeugs?
  • Welche Risiken gibt es? Worauf muss ich achten?
  • Hat das schon einmal einer vor mir ausprobiert? Gibt es ein gutes Beispiel?

Du merkst: Für deine Leser geht es um Orientierung und darum, mögliche Lösungen gegeneinander abzuwägen.


Und noch etwas ist wichtig: In der Experten-Welt zählt die Persönlichkeit. Dein Kunde will wissen, wer du bist und wie es sein wird, mit dir zu arbeiten: Passt ihr beide zusammen? Aus dem Grund sind auch solche Artikel spannend, in denen du dich von Kollegen abgrenzt: Weshalb etwa hast du dich für die eine Methode entschieden und weshalb lehnst du eine andere ab? Gibt es verbreitete Irrtümer, die dir immer wieder über den Weg laufen? Natürlich freuen sich Leser außerdem über einen praktischen Tipp.



Denke deinen Artikel als Gespräch am Tisch


Die Aussicht, einen Artikel zu veröffentlichen, schüchtert viele Menschen ebenso ein, wie der Gedanke, vor einer großen Gruppe zu sprechen. Bei einem Zeitungsartikel weiß der Autor wenigstens noch einen Redakteur an seiner Seite. Bei einem Blog-Artikel fehlt auch diese Instanz.


Viele Neu-Blogger tun sich deshalb mit dem Schreiben schwer: Sie stellen sich vor, wie sie ihren Artikel in die Welt schicken, sich öffentlich und damit angreifbar machen: Was mögen die Leute denken? Reagieren sie freundlich oder überkritisch?


Folgende Überlegung hilft, das Gedanken-Ungetüm einzufangen:


  • In welcher Situation befindet sich dein Kunde? In Beratung, Training und Coaching geht es nur selten um reinen Spaß. Sehr viel häufiger sucht dein Kunde Unterstützung in einer Situation, in der er alleine nicht weiter kommt.
  • Dein Kunde recherchiert also und findet einen Artikel von dir. Nun sitzt er mit seinem Smartphone in der S-Bahn oder im Büro am Rechner und liest, was du ihm zu sagen hast. Er will sich ein Bild machen von seiner Frage und davon, was er tun kann. Mit der großen, weiten Welt hat er in diesem Moment wenig im Sinn. Ihr seid unter euch: Er und du - nur ihr beide.
  • Stell dir nun vor, wie du mit einem Menschen sprichst, der Orientierung und deshalb deinen Rat sucht. Wirst du dozieren?

Das kann ich mir kaum vorstellen. Ein innerlich gesprochener Satz wie "Hör mal, Kunde. Ich glaube, ich habe da etwas für dich, das dir helfen könnte. Gib mir doch einmal drei Minuten" bringt dich gedanklich auf einen passenden Weg - weg von beeindrucken-wollen hin zu begleiten, unterstützen, Impulse geben.


Wenn du gerade jetzt über einem Artikel sitzt, stell dir einfach einen Kunden vor, den du schätzt: Alles, was du ihm am Tisch sitzend ins Gesicht sagen kannst, kannst du auch schreiben.



Trainiere deine sprachliche Beweglichkeit


Gutes Schreiben braucht eine Portion Lust, Knowhow und Übung. Schreiben unterscheidet sich so gesehen in nichts von Klavier spielen, Tanzen, Malen oder Segeln. Mit etwas Übung und Knowhow erreichst du ein gutes Niveau. „Gut“ ist dabei völlig in Ordnung. (Blog-) Artikel sind Gebrauchslektüre. Keine Kunst.


Wenn du aufgrund deiner Persönlichkeit oder deiner Ausbildung ein eher sachlicher Denker bist, verfügst du über eine Stärke: dein geradliniges Denken. Behalte diese Klarheit beim Aufbau deiner Artikel bei. Sie zahlt auf die gute Lesbarkeit deiner Artikel ein. Hinsichtlich der Sprache sind die Freiheiten größer: "Du" oder "Sie"; schnodderig oder Duden-konform; spöttisch oder ernsthaft. Deine Sprache ist Ausdruck deiner Persönlichkeit. Sie transportiert, wie du die Welt siehst. Traue deiner Sprache.


Wenn du bisher noch wenig geschrieben hast, liegt es nahe, dass du zu Beginn einen eher formalen Stil wählst. Das ist normal und in Ordnung. Das Zutrauen zu deinem Stil und damit dein Selbstvertrauen wachsen im Lauf der Zeit. Übrigens gehört das zu den schönen Seiten am Schreiben: Du wächst auch persönlich mit deinen Artikel. Es ist ähnlich wie bei Auftritten vor Publikum. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

Kerstin Boll

Im BlogKraftwerk begleite ich Menschen dabei, ein Blog aufzusetzen und erfolgreich zu führen. Das Programm ist speziell auf Solisten und kleine Teams ausgerichtet. Das bedeutet: Im BlogKraftwerk treffen sich Menschen, die Profis in einem anderen Beruf sind und außerdem schreiben. Bloggen oder Con ...