© Photo by freestocks on Unsplash

Experten-Tipps

Bedürfnisse und Geld – warum es auf die Reihenfolge ankommt

Dieser Artikel wurde am 28.10.2020 verfasst von
Volker Rohde

Über Geld spricht man nicht! Oder…?


Geld ist ein Thema, das uns alle betrifft – ob wir wollen oder nicht. Die einen haben es, die anderen wollen es, wieder andere brauchen es und manche interessiert es nicht. Geld ist Macht und Erfüllungsgehilfe. Es ist für alle und jeden auf irgendeine Weise von existenzieller Wichtigkeit, egal ob Einzelperson, Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft. Geld ist also von zentraler Bedeutung und doch heißt es, dass man über Geld nicht spricht.


Nun gibt es tatsächlich gute oder zumindest nachvollziehbare Gründe dafür, nicht über Geld zu sprechen – der Kollege möchte vielleicht einfach keinen Neid aufkommen lassen oder der Chefin ist möglichweise wichtig, ihre Verhandlungsmacht nicht zu verlieren. Allerdings ist es aufgrund dieser Gemengelage nicht verwunderlich, dass es vielen Menschen schwer fällt, ein klares, eigenes Money Mindset zu etablieren.


Welche Rolle spielt Geld in meinem Leben? Welchen Zweck erfüllt es für mich? Worum geht es mir beim Geldverdienen eigentlich? In diesem Artikel betrachten wir das WOFÜR des Geldes und werden feststellen, dass uns das Bewusstsein für diesen Aspekt Geld in einem anderen Licht sehen lässt. Denn es geht nur selten in erster Linie um Geld. Vielmehr geht es um die Bedürfnisse, die wir damit befriedigen wollen.



Geld – je mehr desto besser!?


Das gängige Credo in Bezug auf Geld lautet „mehr“ und in den Mindsets der meisten gilt „je mehr (Geld) desto besser“. So wird es vorgelebt und so wird es oft unhinterfragt übernommen. Aber ob das wirklich stimmt, lässt sich so pauschal nicht sagen. Inwieweit mehr Geld einen positiven Einfluss auf das Glücksempfinden und die Lebensqualität hat, hängt davon ab, was die Ausgangslage ist, zu der das Geld hinzukommt. So wird sich jeder, der seine Grundbedürfnisse nicht befriedigen kann, wahnsinnig über mehr Geld freuen, wohingegen die nächsten 10.000 € einem Millionär kaum ein müdes Lächeln abringen. Diese Beobachtung ist meiner Ansicht nach kein Resultat des Mindsets, sondern schlicht ein Resultat der Bedürfnisse bzw. deren Befriedigung. Darum müsste prinzipiell auch geklärt werden, was genau unter „besser“ zu verstehen ist. Besser wird das Leben effektiv nur, wenn sich die Lebensqualität erhöht; sprich mehr Geld dafür eingesetzt werden kann, (bisher vernachlässigte) Bedürfnisse zu befriedigen. In diesem Zusammenhang scheint es eine Grenze zu geben, ab der mehr Geld immer weniger zur Lebensqualität bzw. zum Glücksempfinden beiträgt. Diese Erkenntnis geht auf Richard Easterlin zurück und hängt eng mit dem Easterlean-Paradox zusammen. Je nach Untersuchung liegt diese Grenze in unserem Kulturkreis im Schnitt zwischen 60.000 € und 80.000 € brutto Jahreseinkommen.


Dieser Grenze, ab der mehr Geld kaum oder keinen Einfluss mehr auf unsere Lebensqualität hat, steht die Konsumgesellschaft gegenüber, die uns unentwegt „mehr, mehr, mehr“ suggeriert und somit den Fokus auf Geld und daraus folgend auf Besitz legt – also auf materialistische Werte. An diesem Punkt setzen Untersuchungen von Tim Kasser an, die gezeigt haben, dass das starke Streben nach materialistischen Zielen die Lebensqualität sogar spürbar vermindert und auch andere Bereiche wie das soziale Zusammenleben und die Umwelt negativ beeinflusst (Tim Kasser – „The High Price of Materialism“ in Cambridge: MIT Press, 2003 oder als kurzes, sehenswertes Video.)


Es ist also nicht nur so, dass der Grenznutzen des Geldes ab einer gewissen Menge abnimmt – mehr Geld also immer egaler wird – (siehe Easterlin), sondern die starke Fokussierung auf Geld und Besitz verringert sogar die empfundene Lebensqualität – und das ganz unabhängig vom aktuellen Status quo (siehe Kasser). Geld (und Besitz) macht also nicht per se glücklich. Um ein glückliches und erfülltes Leben zu leben, müssen wir also an unserem Mindset arbeiten. In diesem neuen Mindset spielt Geld natürlich weiterhin eine wichtige Rolle – ohne geht es nun mal nicht. Wir verschieben aber die Prioritäten. Wir machen uns zuerst unsere Bedürfnisse und deren Einfluss auf unsere Lebensqualität klar! Somit wissen wir, wofür wir Geld benötigen, um es wirklich glückstiftend einzusetzen.



Unsere Bedürfnisse in den Vordergrund rücken


Zum Glück liegt es in unserer eigenen Hand, unser Leben sowohl hinsichtlich der empfundenen Qualität als auch in Bezug auf Geld zu einem erfüllten zu machen.


Denn den oben beschriebenen extrinsischen Werten stehen intrinsische entgegen. Diese entsprechen unseren „wahren“, „echten“ oder „innersten“ Bedürfnissen und um sie zu erfüllen, braucht es meistens kein oder nur wenig Geld (eine schöne Unterscheidung findet sich in diesem Artikel: George Monbiot – „The Value of Everything“). Die Erfüllung dieser Bedürfnisse kann Quelle tief empfundener Freude und echten Glücks sein; wir müssen uns dieser wahren Bedürfnisse nur bewusst werden und nach ihnen leben.


Leider lassen wir uns nur allzu leicht durch extrinsische Werte von unseren intrinsischen ablenken. Um das zu vermeiden hilft es uns, an unserem Mindset zu arbeiten und zu lernen, unseren Fokus auf unsere Bedürfnisse zu legen. Denn wenn wir uns immer zuerst um die Menge an Geld kümmern, die wir wollen, gehen wir den zweiten Schritt vor dem ersten.


Aber was sind denn eigentlich unsere Bedürfnisse? Die Konsumgesellschaft ist zwar sehr gut darin, uns zu vermitteln, was wir wollen sollen, aber was davon wollen bzw. brauchen wir wirklich?


Die folgenden drei Schritte sind ein erster Impuls zu einem neuen, bedürfnisorientierten Money Mindset. Sie helfen uns, ein Bewusstsein für unsere Bedürfnisse und die Rolle des Geldes zu deren Erfüllung zu erarbeiten. Nehmen wir beispielhaft das Bedürfnis nach Nahrung:
  • Schritt 1: Dem Bedürfnis bewusst werden

    Worin genau besteht das Bedürfnis?

    Am Beispiel Nahrung: Müssen die Nahrungsmittel einfach nur satt machen, müssen es immer Bioprodukte sein oder soll regelmäßig auswärts gegessen werden, …?

  • Schritt 2: Der Beitrag zur Lebensqualität

    Welchen Beitrag leistet die Erfüllung des Bedürfnisses zur Lebensqualität?

    Am Beispiel Nahrung: Geht es nur darum, satt zu werden oder ist die Nahrungsaufnahme ein täglicher Hochgenuss, für den auch entsprechend Zeit eingeplant wird?

  • Schritt 3: Die Menge Geld

    Welcher Betrag sollte zur Erfüllung des Bedürfnisses realistischer Weise wöchentlich oder monatlich zur Verfügung stehen?



Diesen Prozess wiederholen wir auch für unsere anderen Grundbedürfnisse, unsere sozialen Bedürfnisse und Wachstumsbedürfnisse. Sehr reizvoll dabei ist, dass uns vielleicht das ein oder andere Bedürfnis auffällt, für dessen Erfüllung wir kaum oder gar kein Geld benötigen, das aber einen großen Einfluss auf unsere Lebensqualität hat. Andererseits werden wir manchmal vielleicht auch feststellen, dass wir großen Wert darauf legen, z.B. das neuste Smartphone zu besitzen oder dass unsere Lebensmittel immer von Bioqualität sind, obwohl zum Telefonieren und mobilen Surfen auch ein älteres Modell reichen würde bzw. es auch sehr viele andere Möglichkeiten gibt, um satt zu werden. Hier ist es sehr interessant herauszufinden, welches Bedürfnis über das offensichtliche hinaus befriedigt werden soll.


Am Ende haben wir eine klare Vorstellung unserer Bedürfnisse und deren Einfluss auf unsere Lebensqualität und wissen, welche finanziellen Mittel wir für deren Erfüllung brauchen. Eine wichtige Erkenntnis sollte uns dabei nicht entgehen: ist der Beitrag zur Lebensqualität gering, scheint ein hoher Geldeinsatz zur Erfüllung des entsprechenden Bedürfnisses nicht sinnvoll und umgekehrt. Anhand dieser Informationen können wir schließlich entscheiden, wie wir unser Geld zielführend im Sinne der Erhöhung unserer Lebensqualität einsetzen können.



Auf zum neuen Mindset


Wie wir gesehen haben, wird uns der gedankenlose Fokus auf Geld und Besitz nicht dauerhaft glücklich machen. Darum sollten wir unsere wahren Bedürfnisse kennen – und das bereits, bevor wir uns damit beschäftigen, wie viel Geld wir wollen. Auf diese Weise können wir mit langem Hebel unsere Lebensqualität positiv beeinflussen.


Es ist nicht schwer, Menschen zu finden, die mit 60 Jahren zehnmal so reich sind, wie sie es mit 20 waren. Aber nicht einer von ihnen behauptet, er sei zehnmal so glücklich.

George Bernard Shaw


Lasst uns also bereits heute glücklich sein, statt gedankenlos Reichtum anzuhäufen. Ein neues Money Mindset hilft uns dabei.

Dr. Volker Rohde

Wir leben in einer Gesellschaft, die uns zahllose Möglichkeiten bietet, unser Leben zu gestalten – und das ist großartig! Unter diesen Bedingungen ist es jedoch umso wichtiger, nicht den Bezug zu unseren wahren Bedürfnissen zu verlieren. Zu reizvoll ist es, planlos der nächstbesten Möglichkeit hinte ...